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Vater werden? Was geht im Mann dabei vor?

 

Willkommen bei unserem Blog "Schwanger - was jetzt?".

Heute werden wir über das Thema "Vater werden, wie ist das für einen Mann" reden, passend zum Vatertag am 10. Juni!

Ihr könnt das Interview auch in unserem Podcast hören.

 

Als Interviewgast habe ich heute Walter Steindl, er ist ein Vorstandsmitglied von uns, von der österreichischen Lebensbewegung und ist auch Lebens und Sozialberater, Vater und Großvater.

 

Walter: Danke für die Einladung. Gerne stehe ich für Rede und Antwort zum Thema was es bedeutet Vater zu werden. Das ist wohl einer meiner wichtigsten Berufe, die ich habe, wo es dummerweise keine Ausbildung dafür gibt.

 

Barbara: Das stimmt. Es gibt ja oft Männer, wir bekommen das hier in der Beratung mit, die während der Schwangerschaft eben noch Probleme haben zu realisieren, dass sie Vater werden. Und dann auf einmal ist das Kind da und dadurch kommt es plötzlich zum Sinneswandel, entweder kriegen sie Panik oder sie freuen sich irrsinnig. Natürlich ist das bei jedem Mann ganz anders. Es gibt Männer die schon während der Schwangerschaft voll mit leben. Es gibt ja auch das Phänomen der Co-Schwangerschaft beim Mann, wo Männer auch plötzlich zunehmen mit der Frau oder in den Wehen liegen.

Dann gibt es andere die nur die Verantwortung sehen und total Panik bekommen und sich überhaupt nicht bereit fühlen und total überfordert sind. Und dann kommt das Kind auch noch auf die Welt und auf einmal ist meine Frau, die Frau seines Lebens mit der er immer Kinder wollte auf einmal nicht mehr für ihn da, sondern nur noch für das Kind. Viele Paare kommen dann ja auch im 1. Jahr der Geburt in eine Beziehungskrise. Was sicher unterschiedliche Faktoren beinhaltet, also sicher nur den Mann, sondern auch die Frau und die ganzen Umstände. Aber wir sind jetzt da um als Frau und vielleicht auch für Schwangere mehr Verständnis für die Seite des Mannes zu bekommen, um sich vielleicht schon im Vorfeld dessen bewusst zu werden was für schwierige Momente kommen können und dann eben diesen schwierigen Momenten den Wind aus den Segeln nehmen zu können.

 

Walter: Ja, das ist sehr wichtig. Lebensrechtsmenschen, Beratern und Beraterinnen ist ja auch klar, dass hinter einem Schwangerschaftskonflikt nicht selten ein unwilliger Vater steht, wo der Vater des Kindes für das Kind entschieden ist, dann ist der Konflikt für die Frau schon mal ganz anders oder kleiner. Das kann ich aber als Mann nicht beurteilen. Aber der Vater, der sich zum Kind bekennt, ist eine wichtige Ressource für das Familiensystem. Was passiert in einem Mann, wenn er erfährt, dass er erstmalig Vater wird. Das ist ein extrem wichtiger Zeitpunkt in der eigenen Biographie, weil du rückst quasi eine Schicht weiter in deinem Leben.

Bis man selber Vater wird, ist man Kind, auch wenn man schon 30 Jahre alt ist, bin ich Kind.

Ich bin Kind meiner Eltern und ich bin oft in einem spielerischen oder einem „schau ma mal“, „probier ma mal“ Leben drinnen, wo ich an mich, meine Hobbies und meine Verwirklichung denke und meine Eltern als Ressource betrachte oder als Konfliktpartner, je nachdem. Und in dem Moment, wo ich selbst Vater werde, indem ich von der Freundin, Frau erfahre, dass der Schwangerschaftstest positiv ist, dann ist das ein Ruck der durch das Leben des Mannes geht. Einerseits weißt du, jetzt habe ich meine Gene weitergegeben, das ist ein uraltes Programm das ist von den Vorfahren her ganz wichtig, wir wollen uns ja fortpflanzen und unsere Gene weitergeben damit es uns in 100 oder in 500 Jahren gibt, also ist ihm das gelungen und er ist stolz, jetzt bin ich Vater geworden, es ist mir gelungen (Vielen Männern gelingt die Zeugung aus biologischen Gründen nicht, was oft einen tiefen Schmerz verursacht), ich habe also nicht versagt, es ist mir gelungen, es ist etwas Gutes.

Andererseits spüre ich hier die Verantwortung, weil das ist jetzt kein Spiel. Das kann ich nicht mehr rückgängig machen.

Da beginnt etwas ganz Neues und ich bin an einer Stelle, wo ich nicht mehr aus kann. Das ist so wie mein Vater nicht mehr aus kann mein Vater zu sein, so bin ich jetzt Vater des Kindes und kann nicht mehr aus. Und wenn ich selbst eine schwierige Beziehung zu meinen Vorfahren habe, wenn da viel Unheiles ist oder nicht geklärt ist wird es in dem Moment aktiviert. Das macht den Schmerz aus oder die Schwierigkeit aus, dass ich mich nicht unbändig freuen kann. Es ist gelungen Hurra ich habe ein Kind, vielleicht sogar einen Sohn. Das ist für Männer ganz wichtig. Das ist jetzt chauvinistisch…aber…(lacht)…das darf ich mal sagen. Sich fortzupflanzen, weiterzugeben, das Leben weiterzugeben, einen Sohn zu haben. In dieser Kette zu sein, aber wenn ich selber aus einer unheilen Familie komme mit ungeklärten Beziehungen, mit Streit, mit Vorwürfen, mit Stress, dann erlebe ich diesen Stress im selben Moment. Das macht die Ambivalenz aus zwischen der Freude, es ist gelungen und dem Schmerz, uweia jetzt muss ich etwas klären, was ich vielleicht gar nicht klären kann, weil von der Seite meiner Vorfahren schon so viel in Unordnung ist.

 

Barbara: Wie kann man in so einem Moment einem Mann helfen, dass er anders damit umgeht? Gerade wenn er zum Beispiel aus einer unheilen Familie kommt? Ich habe das in meiner persönlichen Biographie mit einem Ex-Freund erlebt, der ein großes Problem mit seinem Vater hat und dass in dem Moment wo wir eigentlich heiraten wollten er auf einmal so überfordert hat, dass er dann beschlossen hat, ich soll mir jemanden anderen suchen, mit dem ich eine Familie gründe, weil er das nicht kann und das hat ihn in eine starke, tiefe Depression geführt. Seine Eltern haben sich scheiden lassen, als er 10 Jahre alt war und danach ist sein Vater von der Bildfläche verschwunden. Er weiß zwar ungefähr, wo er ihn findet, weil er hätte ja doch gerne eine Beziehung zu ihm aber in Wirklichkeit hat er selbst eine irrsinnig tiefe Wunde was das betrifft und er kann seinem Vater nicht vergeben. Er hat gesagt, er muss jetzt einmal wirklich eine Therapie machen. Wie kann man dann in diesem Moment wo man schon schwanger ist und bemerkt, der Vater meines Kindes hat da Probleme in der Familie, mit seinen Eltern mit seinem Vater wahrscheinlich…etwas tun um es positiv zu beeinflussen?

 

Walter: Ich denke in diesem Punkt ist es sehr wichtig, dass die Männer die in dieser Ambivalenz sind männliche Gesprächspartner finden, dieses mit ihnen bearbeiten. Jetzt nicht auf die übliche Art, wie Männer das tun, sie gehen ins Gasthaus und trinken mit anderen Männern gemeinsam, nicht durch Drogen, Bier ist auch eine Droge, Alkohol ist eine Droge. Und das hilft höchstens kurzfristig zur Entlastung aber nicht zur langfristigen Klärung.

Hier braucht’s einfach einen kompetenten Gesprächspartner der einem hilft diese ganze Ambivalenz auf den Tisch zu legen, um sich auch selbst mal anschauen zu können, was hier passiert oder um sich eventuell der Herkunftsfamilie zuzuwenden und um zu schauen, ob dort etwas ist, was man in Richtung Versöhnung gestalten kann. Vielleicht Briefe schreiben, die man nie abschickt, oder man kann Stellen besuchen, die biographisch wichtig waren und dort gemeinsam mit Begleitern etwas erledigen und diese Altlasten erträglicher zu machen um sich dann dem neuen Leben zuwenden zu können. Das Problem ist nämlich Folgendes. Wenn man seine eigenen Herkunftsprobleme nicht bearbeitet hat und irgendwie einkapselt oder irgendwo einsperrt, irgendwo im Teil seiner Persönlichkeit, dann sind die eigenen Nachkommen, möchte ich fast sagen verdammt, das dann zu übernehmen. Man übergibt nicht gelöste Probleme in irgendeiner Form seinen Nachkommen weiter. Die müssen´s dann für dich machen. Ist nicht nett. Andererseits kann man eh nicht immer all seine Probleme lösen das heißt irgendein Paket wird man immer weitergeben. Die Verantwortung besteht darin dieses Paket so klein wie möglich zu halten und die riesengroßen Trümmer im Vorfeld mit einer professionellen Begleitung, muss kein Berater sein, vielleicht ist es ein sehr erfahrener, weiser Onkel, oder ein Großvater, der wirklich schon viel übers Leben erfahren hat, der ein guter Zuhörer ist, der ihm dann auch den Raum gibt, es auszubreiten ohne zu urteilen. Mit so einer Begleitung könnte es gelingen stückweise diese Themen zu klären.

 

Barbara: Das ist gut. Jetzt ist dann der nächste Meilenstein für den Mann, wenn das Kind nach der Geburt wirklich da ist. Und die Männer dann von ihrem Thron gestoßen werden. Vielleicht sind sie trotzdem noch irgendwie die Nummer eins aber für die Frau zumindest für die ersten Jahre ist es das Kind. Und es gibt viele Paare, die genau vor diesem Moment Angst haben, weil sie wissen, dass in der Partnerschaft etwas Neues aufkommt. Viele haben Angst vor Veränderung. Gibt es da Tipps für einen Mann, oder eine Frau, auf die man achten kann in den ersten Jahren damit eben nicht die Beziehung deshalb zugrunde geht weil sie nicht die Geduld aufbringen bis diese schwierige Zeit vorbei ist. Eine Sache ist natürlich, halte einfach nur durch, es wird dann besser, aber oft wird nur durch ein Durchhalten ja auch nicht alles besser. Vielleicht hast du Tipps, du hast ja selbst 7 Kinder, also er weiß wovon er spricht und wie es ist auf seine Frau verzichten zu müssen aufgrund der Kinder. Wie habt ihr das damals gelöst?

 

Walter: ich kann mich nicht mehr so erinnern, weil das alles schon ziemlich lange her ist. Und wir waren auch relativ jung, zwischen 25 und 30 Jahren als unsere 1. Kinder gekommen sind und ich bin das gar nicht so bewusst angegangen. Aber heute würde ich sagen, es ist einerseits wichtig zu verstehen von der Mann Seite, dass die Frau einen anderen hormonellen Status hat. Sie erlebt das Leben anders als vorher und nicht deshalb, weil du als Mann plötzlich lästig oder peinlich geworden ist, sondern weil ihre inneren hormonellen Vorgänge sich so ändern, dass sie sich sehr, sehr, sehr, sehr, sehr auf euer gemeinsames Kind konzentriert, was ja für dich auch gut ist, weil du hast dich ja fortgepflanzt und du willst, dass sich deine Frau auf das Kind konzentriert, dass es gut vorankommt und nicht vergessen wird irgendwo, deswegen ist die Frau voll konzentriert auf das Kind.

Von der Frauenseite ist ein Tipp von mir, dass man versucht dem Mann zu helfen seine Rolle als Vater wahrzunehmen. Nicht in Panik zu geraten, wenn der Mann das Kind in die Hand nimmt, im Sinne von der kann das nicht angreifen, keine Sorge, Männer können das, die können Bälle sehr schön jonglieren und sehr kunstvoll irgendwo hin befördern. Sie können im Sport sehr technische Sachen beherrschen, sie werden das Kind nicht umbringen, wenn sie´s angreifen. Außerdem sind Kinder sehr elastisch, wenn sie eine Geburt überlebt haben, können sie fast überall überleben. Das heißt gib dem Vater sein Kind in die Hand, dass auch er eine emotionale Beziehung zu seinem Kind aufbauen kann bis hin, dass er Tageszeiten hat, wo er sich allein um das Kind kümmert, mit Windeln wechseln und allem drum und dran. Dass hilft, dass der Vater das, was du als Mutter sowieso 9 Monate hast, nämlich dich auf die Mutterrolle vorzubereiten, dass er es auch spüren kann. Auf der Haut mit Sensoren, dass er spürt, dass er Vater ist und sein Kind in Händen hält. Spürt. Schreien hört. Lächeln sieht. Das hilft dem Mann in die neue Rolle zu kommen, die dann Mann und Frau natürlich teilen als Betreuer dieses Kindes. Das hilft dem Mann über den Schmerz wegzukommen, dass er nicht mehr die Nummer eins ist.

 

Barbara: Vielleicht ist es auch gut nicht so kritisch mit dem Mann zu sein, wenn er das Kind in manchen Dingen anders erzieht, als man es sich als Mutter vorstellt.

 

Walter: Zum Glück! Ich finde es ist fast so eine vorgegebene Rollenaufteilung, dass die Mutter eher das Behütende und Tröstende repräsentiert in der Beziehung, also der Hafen ist, wo man sich flüchtet, wenn einem alles zu viel wird. Und der Vater mehr das Herausfordernde im Sinne von „Trau dich“ „Du schaffst das“ „Komm mit mir“. Wir kämpfen da draußen gegen die Feinde, auch wenn das nur der Sturm oder der Regen ist. Und im Pendel zwischen diesen beiden Polen kommt das Kind dann zu seiner eigenen Persönlichkeit. Ich finde einen Ort, wo ich getröstet werde und einen Ort, wo ich herausgefordert werde mich weiterzuentwickeln.

 

Barbara: Sehr schön gesagt. Dann bedanke ich mich sehr herzlich bei dir für das Interview und euch lieben Lesern wünsche ich ganz viel Freude und Vorfreude, wenn ihr in Erwartung eines eigenen Kindes seid, auf viele Gespräche miteinander, viel Verständnis füreinander und Alles Gute!