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Selbsthilfegruppe Regenbogen Teil 2 - Fehlgeburt

Liebe Leserinnen und Leser!

 

Heute geht es weiter mit dem 2. Teil des Interviews mit der Selbsthilfe Gruppe Regenbogen. Das Interview hat Barbara Pavelka mit Julia Sorko geführt.

 

Julia, du hast ja auch eine Geschichte hinter dir. Wie war das bei dir?

 

Julia: Ich habe im Dezember 2013 meine Tochter Luisa entbunden und es war eine ganz normale Schwangerschaft. Ich war 41 Wochen schwanger, es war alles sehr gut, ich habe zu der Zeit in Frankfurt gelebt und war für die Entbindung an der Uniklinik, und ich war über dem Termin, bin eingeleitet worden, es war alles gut. Während der Geburt, das hat sich danach herausgestellt ist irgendwann dann die Nabelschnur zwischen die Schläfe meiner Tochter und mein Becken gerutscht. Bei einer natürlichen Geburt, ohne Medikamenteneinfluss, also keine PDA hat, dann ist es so, dass man zwischendurch, damit man sich besser bewegen kann nicht ständig am CTG hängt, wo die Herztöne und die Wehen Tätigkeit gemessen werden. Das muss wohl in einer CTG Pause passiert sein, dass sich die Nabelschnur dann nach unten bewegt hat. Irgendwann kam ich dann wieder an das CTG, die Hebammen folgen hier ja einem Plan und dabei haben sie keine Herztöne mehr gefunden. Sie haben es dann noch mit dem Ultraschall versucht, aber auch hier keine Herztöne. Sie haben dann die Geburt mit einem Notkaiserschnitt eingeleitet, ich war unter Vollnarkose und sie haben die Luisa dann rausgeholt. Sie haben mir nachher gesagt, als sie sie rausgeholt haben, dass sie schon sehr tief unten in meinem Becken war, ich war kurz vor der Übergangsphase, der Muttermund war fast vollständig geöffnet. Und dabei haben sie das mit der Nabelschnur gesehen, sie klebte wie eine Schleife an der Schläfe meiner Tochter, wie diese Brustkrebsschleife. Und dort wo sie überkreuzt war, eben an zwei Stellen war sie quasi doppelt abgedrückt und man weiß nicht wie lange sie ohne Sauerstoff war. Es war dann so, dass sie sie zurückgeholt haben, also wiederbelebt haben und nach 15 Minuten hört man in der Regel auf. Sie kam nach 14 Minuten zurück. Dann kam sie auf die Neonatologie und das war der 18. Dezember 2013. Und das war der Tag, der natürlich mein restliches Leben verändert hat in einer Weise, die ich nicht erwartet habe. Ich wusste, dass ich alleinerziehend sein werde, da sich der Vater und ich schon während der Schwangerschaft getrennt hatten, bzw. bevor ich eigentlich wusste, dass ich schwanger bin. Ich wusste dieser Tag wird mein Leben verändern, aber natürlich hat er es auf eine ganz andere Art und Weise verändert. Man wusste die ersten Tage nicht, wie ihr Zustand wirklich ist, welche Schäden sie haben wird, jedoch haben sie uns relativ schnell auf das Schlimmste vorbereitet, weil die Reflexe einfach nicht da waren, nicht einmal der Pupillenreflex, wo man sagt, dass das eigentlich das Letzte ist was geht beim Menschen und das Erste, wenn er wieder zurückkommt. Nach ein paar Tagen gab es ein MRT vom Gehirn und da hat sich dann herausgestellt, dass ihr Gehirn komplett zerstört war. Von außen war sie ein richtig properes und großes Baby und total süß mit langen braunen Haaren, aber ja, das Gehirn war leider vollständig zerstört. Es gab keine Wahl, es war klar, dadurch, dass auch das Stammhirn zerstört ist und sie nicht selbst atmen kann und somit auch ihr Herz aufhören wird zu schlagen. Wir mussten noch warten, bis die Medikamente den Körper verlassen hatten und sie bestimmte Werte erreicht hatte und am 27. Dezember wurde sie dann extubiert und ist dann auf meiner Brust gestorben.

 

Barbara: Das ist natürlich ziemlich hart.

 

Julia: Ja, ich kann mir nichts Härteres vorstellen. Es war ein Wahnsinn. Es war ein Schock und ich habe nur irgendwie funktioniert. Ich weiß es nicht mehr, es war alles wie im Nebel.

 

Barbara: Und welche Schritte bist du nachher gegangen? Wie hast du gelernt das zu verarbeiten?

 

Julia: Es gab dort eine Stationspsychologin, die sie mir geschickt haben und die auch eine niedergelassene Psychotherapeutin ist. Ich habe dann 1 Monat später, ich war für ein paar Wochen auch in Österreich, weil meine Tochter auch in Österreich beerdigt worden ist. Und ich habe dann eine Psychotherapie begonnen. Das war eine sehr schwierige Situation, weil ich es auch alleine bewältigen musste. Der Kindesvater war schon in den Tagen da, in denen Luisa gelebt hat und er war auch bei der Beerdigung usw. aber dadurch, dass wir nicht zusammen waren, er wollte das für dich einfach verarbeiten. Und dann habe ich eben die Therapie begonnen und habe dann einen speziellen Rückbildungskurs in Frankfurt besucht, der nennt sich „leere Wiege“. Das ist ein ziemlich einmaliges Angebot auch in Deutschland, wir haben so etwas aber auch in Wien, wo Frauen, die ihr Kind verloren haben Rückbildungsgymnastik machen und auch geleitete Gespräche haben. Und das habe ich damals auch gemacht. Und ich habe im Laufe der Zeit auch viel zu diesem Thema gelesen und mir im Internet Foren gesucht. Es war einfach ein langer Weg. Die für mich wichtigste Stütze im ersten Jahr waren die Frauen, die ich in der „Leeren Wiege Gruppe“ kennengelernt habe. Der Kurs selbst hat zwar nur 8 Wochen gedauert wir sind aber danach jede Woche oder jede zweite Woche essen gegangen, so eine Art Stammtisch, bei dem wir uns sehr unterstützt haben. Der persönliche Austausch war sehr wichtig für mich, das ist sehr ähnlich wie die Selbsthilfegruppe. Auch schreiben hat geholfen und ich habe einfach vieles gemacht, Akkupunktur, Osteopathie, Emotional Freedom Techniques und ich habe Yoga begonnen. Anfang 2015, also mehr als später 1 Jahr nach der Geburt meiner Tochter war ich für 5 Wochen in einer psychosomatischen Reha, was auch sehr gutgetan hat.

 

Barbara: Also ein langer Weg der Heilung.

 

Julia: Ja, so die ersten 2 Jahre würde ich sagen war ich sehr damit beschäftigt. Es ist jetzt ein bisschen mehr als 4 Jahre her.

 

Barbara: Das kann ich mir vorstellen. Soweit zum 2. Teil des Interviews mit der Selbsthilfegruppe Regenbogen. Nächste Woche geht es weiter mit der Fortsetzung des Interviews.

Einen schönen Tag, trotz des sensiblen Themas,

Eure

Rosa Blume