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Fehlgeburt - Selbsthilfegruppe Regenbogen 3

 

Heute geht es weiter mit dem 3. Teil des Interviews der Selbsthilfegruppe Regenbogen. Wir haben vorher verschiedene Begriffe genannt, wie „stille Geburt“, „Fehlgeburt“, um die Geburt herum nennt es sich Perinatal-Tod des Kindes. Könnt ihr erklären was denn die Unterschiede sind, wieso das eine stille Geburt heißt, das andere Fehlgeburt, das andere Perinatal Geburt?

 

SHG Regenbogen: Von einer Fehlgeburt spricht man wenn das Baby unter 500g hat, dann gibt es die nächste Grenze über 500g, dann gibt es die Begriffe Tod- und Lebend Geburt, Tod Geburt, wenn bei der Geburt keine Lebenszeichen zu sehen sind, Lebend Geburt, wenn man bei dem Kind Lebenszeichen sieht.

 

Barbara: Und die stille Geburt?

 

SHG Regenbogen: Stille Geburt ist im Prinzip ein allgemein gängiger Begriff wie das Sternenkind. Es ist kein medizinischer Begriff und ist für alle Kinder, die in der Schwangerschaft von uns gegangen sind, die im Bauch der Mutter, in Utero noch verstorben sind und quasi ohne Lebenszeichen auf die Welt kommen.

 

Barbara: Und die perinatale Geburt?

 

SHG Regenbogen: Perinatal ist ein Fachbegriff und kommt natürlich aus der Medizin. Das beschreibt einen Tod, der während der Geburt passiert. Das kann zum Beispiel durch eine Nabelschnurkomplikation passieren, oder es kann passieren, dass sich die Plazenta ablöst und das Kind während der Geburt nicht mehr versorgt wird. Das sind Komplikationen die während der Geburt auftreten und wo man das nicht mehr rechtzeitig abfangen kann wie zum Beispiel eben durch einen Notkaiserschnitt oder einer entsprechenden Wiederbelebung. Es kann aber auch sein, dass das Kind in Folge einer Geburtskomplikation stirbt, wie das auch bei meiner Tochter der Fall war. Oder ein extremes Frühchen, dass zur Welt kommt, lebt, aber erst nach Wochen, oder 2, 3 Monaten dann an den Folgekomplikationen verstirbt. Der nächste Begriff wäre der plötzliche Kindstod, von dem spricht man wenn das Kind augenscheinlich ganz gesund zur Welt gekommen ist und im Laufe des ersten Jahres ganz plötzlich und ohne Vorankündigung verstirbt. Es kommen auch Frauen und Eltern zu uns, wenn die Kinder an dem plötzlichen Kindstod versterben. Es gibt auch Trauergruppen für verwaiste Eltern, sie sich aber eher bei uns gut aufgehoben fühlen, als in einer Trauergruppe, wo die Kinder im Kindes, Jugendalter oder Erwachsenenalter verstorben sind. Wir vernetzen uns auch mit den Gruppen, also, wenn jetzt ein Anruf kommt, der eher für die trauernden Eltern ist vermitteln wir da, sowie umgekehrt auch.

 

Barbara: Gehen Frauen durch gewisse Trauerstadien durch, wenn eine Fehlgeburt oder eine stille Geburt geschehen ist?

 

SHG Regenbogen: Ja, wir lehnen uns da sehr an die Trauerphasen von Verena Kast oder Elisabeth Kübler-Ross, die es gibt. Prinzipiell greifen die Phasen ineinander, sprich es passiert in der Regel nicht eine Phase nach der anderen. Die Phasen können sich wiederholen und können wellenartig kommen.  In der ersten Phase ist einfach mal der Schockzustand, das ganze einmal zu begreifen, was ist da gerade mit mir passiert, was ist uns gerade passiert? Es zu realisieren ist der erste Schritt, dann beginnt die Zeit, die Phase des Suchens. Habe ich etwas in der Schwangerschaft falsch gemacht, gibt’s einen Grund, hätte ich das und das nicht gemacht, hätte ich nicht zu viel Sport treiben dürfen, hätte ich nicht schwimmen gehen dürfen etc. Habe ich mich falsch ernährt, gab es einen Fehler von Spitalsseite her, hätten sie zum Beispiel mehr CTGs machen müssen. Es sind dann verschiedene Gefühle, die man durchlebt, es sind nicht nur Tränen, es ist auch Wut, auch Aggression. Jeder trauert anders, jede Frau ist anders. Trauernde haben auch oft den Glauben an eine Sinnfrage, warum ist das mir passiert, warum ist uns das gerade passiert. Und dann gibt es eine Phase, wo man sich findet und das auch in sein Leben integriert, diesen Schicksalsschlag.

 

Barbara: Viele sind sich nicht bewusst und wissen nicht welche Phase man durchlebt, vor allem auch Angehörige vielleicht, die selber indirekt davon betroffen sind, die vielleicht auch trauern, vielleicht nicht so extrem, weil sie das Kind ja nicht in sich gehabt haben. Ich glaub es hilft sicher auch Angehörigen die Frauen und Verwandten zu verstehen, vielleicht auch die Männer. Da würde mich euer Angebot von den Selbsthilfegruppen interessieren, ist das mehr Frauen-lastig oder Männer-lastig. Werden die Männer mit integriert? Werden sie außen vorgelassen?

 

SHG Regenbogen: Momentan ist es so, dass in den Selbsthilfegruppen die Tendenz sehr steigend ist, dass fast nur Pärchen zu den Gruppentreffen kommen. Es gibt auch immer Männer, die sich in den Selbsthilfegruppen treffen, sozusagen kennenlernen und dann eigene Treffen machen, nur Männer unter sich. Wir haben auch einen Sternenvater, der ist Kontaktperson, der zum Beispiel eine Telefonnummer angibt, wo man sich an ihn wenden kann und sich klassisch zusammensetzt und darüber redet über die Situation. Sprich, wir nehmen die Väter gleich von Anfang an mit ins Boot, auch wenn Einzelgespräche natürlich möglich sind.

 

Barbara: Habt ihr das Gefühl, dass Männer anders trauern, als Frauen?

 

SHG Regenbogen: Ja und nein. Ich glaube sowieso, dass es Typ-abhängig ist, dass jeder Mensch anders trauert und dass es auch sehr von anderen Umständen abhängig ist. Es kann auch sein, dass früher Erlebtes und andere Dinge durch solch einen Schicksalsschlag wieder hochkommen und dass es etwas auslöst. Ich selbst habe das in meiner Situation nicht so sehr erlebt, weil sich der Vater von meiner Tochter dann ja total von mir zurückgezogen hat das heißt ich konnte ihn nicht dabei beobachten, wie es ihm dabei ging. Ich habe manchmal das Gefühl, dass je fortgeschrittener die Schwangerschaft dann schon ist, und Claudia kann mir da vielleicht widersprechen oder ich weiß nicht ob du mir da zustimmst, da ist dann schon einen Bauch, da gibt’s dann Kindsbewegungen, der Vater kann dann schon mehr mitspüren oder spätestens, wenn das Kind dann schon zur Welt gekommen ist. Je länger dieser Zeitraum war, desto mehr hat ein Mann dann vielleicht auch schon die Bindung aufgebaut. Was auch dazu beiträgt ist, es gibt heute einfach auch sehr, sehr, sehr viele Wunschkinder. Wir treffen in den Selbsthilfegruppen dann auch Paare, die teilweise auch unterstützt schwanger geworden sind, die Hormone genommen haben, oder in vitro usw. Das heißt, ich glaube, je gewünschter dann noch Schwangerschaft ist, desto mehr lebt ein Mann dann auch mit was möglicherweise auch ein Faktor ist. Auch je greifbarer die Schwangerschaft schon ist, mit den ersten Bewegungen des Kindes, die ein Vater am Bauch spüren kann oder die ersten Ultraschallfotos, umso mehr ist dann auch schon die Bindung zu dem Kind da. Ich kann mich da der Julia nur anschließen, auch von meiner persönlichen Situation kann ich das schwer zu beurteilen, weil mein Lebensgefährte damals, wir haben im Nachhinein von der Schwangerschaft erfahren, vorgehabt hat, sich vor der Schwangerschaft von mir zu trennen und dem Kind zuliebe mit mir zusammenbleiben wollte und sich kurz nach dem Verlust von mir getrennt hat. Er war Meister des Verdrängens, er hat sich nicht mit der Situation auseinandergesetzt, aber ich kann von der persönlichen Seite wenig dazu sagen. Ich habe die letzten Jahre die Entwicklung beobachtet, es setzen sich die Männer schon immer mehr mit dem Thema auseinander und bauen auch früher zu dem Baby in der Schwangerschaft eine Bindung auf, als noch vor Jahren. Sie trauern insofern auch anders und es sind meistens diejenigen, die rundherum alles checken und dann organisieren nach dem Verlust, die ganzen organisatorischen Dinge für die Beerdigung etc. Also praktisch viel machen, um das Ganze zu verarbeiten.

 

Barbara: Ja, das ist auch meine Erfahrung, dass Männer dann noch lieber etwas Praktisches tun wollen, um etwas gut zu machen oder um zu verarbeiten. 

Bald geht es weiter mit dem 4. und letzten Teil des Interviews!

 

Für heute aber einen wunderschönen Abend und gute Nacht!

eure 

Rosa Blume

 

 

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